Der Artikel analysiert die Rationalitäten der Koalitionsbildung für die österreichische Bundesregierung nach der Nationalratswahl 2024 unter Anwendung einer SWOT-Analyse (Strengths, Weaknesses, Opportunities, Threats) auf die verschiedenen Koalitionsvarianten. Dafür wird eine eigene konzeptionelle Koalitionsmatrix entwickelt. Die Untersuchung zeigt, dass die Entscheidung für oder gegen eine Koalitionsvariante primär von strategischen, machtpolitischen Faktoren und nicht von der bloßen ideologischen Distanz bestimmt wurde. Das Scheitern der FPÖ & ÖVP-Option war auf ein tief sitzendes persönliches Misstrauen gegenüber dem Spitzenkandidaten der FPÖ (Veto-Faktor) und den unlösbaren Konflikt um institutionelle Schlüsselressorts zurückzuführen. Die Rationalität der erfolgreichen Koalition (ÖVP & SPÖ & NEOS) lag in der Risikominimierung hinsichtlich Regierungsstabilität und in der strategischen Beibehaltung der Wahlkampfpositionierung. Die Ergebnisse belegen eine starke Pfadabhängigkeit zwischen Wahlkampfrhetorik und nachwahlzeitlicher Verhandlungsstrategie, wobei die Angst vor Profilverlust und Neuwahlen die Koalitionsbildung über die programmatische Übereinstimmung zwischen den Parteien stellte.
The article analyzes the rationales behind the coalition formation for the Austrian federal government following the 2024 national parliamentary election, applying a SWOT analysis (Strengths, Weaknesses, Opportunities, Threats) to various coalition options. For this purpose, a conceptual coalition matrix is developed. The study shows that the decision for or against a coalition option was driven primarily by strategic and power-political factors rather than mere ideological distance. The failure of the FPÖ & ÖVP option was due to deep-seated personal mistrust toward the FPÖ’s lead candidate (veto factor) and irreconcilable conflicts over key institutional portfolios. The rationales behind the successful coalition (ÖVP & SPÖ & NEOS) lay in minimizing risks to government stability and strategically maintaining campaign positioning. The findings demonstrate a strong path dependency between campaign rhetoric and post-election negotiation strategies, where fear of profile loss and new elections outweighed programmatic alignment between the parties.
Politische Soziologie der Teuerung. Bevölkerung – Politik – Wirtschaft
Der vorliegende Beitrag betrachtet die Teuerung in Österreich aus verschiedenen Perspektiven der politischen Soziologie. Hierzu werden zwei Theorien vorgestellt: Die ökonomische Theorie des Wählens, welche das (Ab-)Wählen von Regierungen auf Basis der wirtschaftlichen Lage erklärt, und die Theorie der Werte-Cleavage, welche anhand des Wertewandels den Wandel von Parteiensystemen erklärt. Der Aufsatz bietet empirische Einblicke auf mehreren Ebenen: Die Teuerungsthematik hat in den 1990er-Jahren an Bedeutung für die Bevölkerung verloren, allerdings ist die Teuerung seit der Finanzkrise 2007 wieder von zentraler Bedeutung. Für Wähler*innen postmaterieller Parteien (Grüne und NEOS) ist die Bekämpfung der Teuerung seltener eine Priorität. Auf der Ebene der Entscheidungsträger*innen zeigt sich, dass Akteur*innen im Feld der Wirtschaft die Teuerung eher mit Argumenten der Österreichischen Schule der Nationalökonomie deuten und staatliche Eingriffe als Ursache für die Teuerung sehen, während bei Politiker*innen stärker keynesianische Erklärungsversuche für die Teuerung zu finden sind.
This article examines inflation in Austria from various perspectives of political sociology. It presents two theoretical frameworks: (1) the economic theory of voting, which explains the (dis)approval of governments based on economic conditions, and (2) the values cleavage theory, which accounts for changes in party systems through shifts in societal values. The article then provides empirical insights on multiple levels: the issue of inflation had lost significance for the population in the 1990s; however, inflation regained importance since the 2007 financial crisis. For voters of post-materialist parties (Greens and Liberals), the addressing of inflation is less frequently a priority. At the level of decision-makers, it becomes apparent that actors in the field of economics tend to interpret inflation using arguments from the Austrian School of Economics and view government intervention as the cause of rising prices, whereas politicians are more likely to draw on Keynesian explanations for inflation.
Herausgeforderte Demokratie im Superwahljahr 2024. Erfolgsbedingungen der AfD in Deutschland bei den Kommunal-, Landtags- und Europawahlen im Bundesland Thüringen
In diesem Artikel analysieren wir die Erfolgsbedingungen der Rechtsaußenpartei AfD exemplarisch am Beispiel der Ergebnisse der Kommunal-, Landtags- und Europawahlen in den Gemeinden des ostdeutschen Bundeslandes Thüringen. Im Zuge der Wahlen 2024 übertraf die AfD in Thüringen ihre bisherigen Ergebnisse deutlich, stellte erstmalig einen Landrat und wurde bei der Landtagswahl mit Abstand stärkste Kraft. Als Ursachen für das Erstarken der AfD werden soziodemografische, sozioökonomische und infrastrukturelle Problemlagen und Disparitäten diskutiert. Aber auch Merkmale der politischen Kultur, bspw. kollektiv geteilte Demokratieunzufriedenheit und ethnozentrische Einstellungen, werden als Erklärungsfaktoren angeführt. Wir prüfen die unterschiedlichen Erklärungsansätze und den Erklärungsbeitrag einzelner Einflussfaktoren auf die AfD-Wahlergebnisse mittels multivariater Regressionsanalyse.
Challenged Democracy in the Super Election Year of 2024. Conditions for the Success of the AfD in Germany in the Local, State, and European Elections in the Federal State of Thuringia
In this article, we analyze conditions for success of the far right-wing party Alternative für Deutschland (AfD), using the example of the results of local, state, and European elections in the municipalities of the eastern German state of Thuringia. In the course of the 2024 elections, the AfD significantly surpassed its previous results in Thuringia, appointed a district administrator for the first time, and became strongest party in the state election by a wide margin. Reasons for the strengthening of the AfD are discussed in terms of socio-demographic, socio-economic, and infrastructural problems and disparities. However, characteristics of the political culture, such as collectively shared dissatisfaction with democracy and ethnocentric attitudes, are also cited as explanatory factors. We examine the different explanatory approaches and the explanatory contribution of individual influencing factors to the AfD’s election results by means of multivariate regression analysis.
Das Angebot, das uns gefehlt hat – Wirkung von aufsuchender Familienarbeit mit Peerdienst für Familien mit Migrationshintergrund bei festgestellter Kindeswohlgefährdung
„ProSoz Familientraining & Peer-Dienste“ ist das erste ambulante Angebot in Wien, das bei festgestellter Gefährdung des Kindeswohls explizit Familien mit Migrationshintergrund und kaum vorhandener Deutschkompetenz gemeinsam mit Peer-Mitarbeiter*innen betreut. Das Ziel der zweijährigen, multimethodischen Evaluation bestand darin, die Wirksamkeit und Nachhaltigkeit der Maßnahme empirisch zu erfassen. Dafür wurden die Veränderungen kinderschutzrelevanter Messdimensionen zwischen Beginn und Abschluss der Intervention sowohl aus der Perspektive der Sozialarbeiter*innen der Wiener Kinder- und Jugendhilfe als auch der betreuenden Sozialpädagog*innen von ProSoz erfasst. Signifikante Verbesserungen zeigten sich bei der sprachlichen Entwicklung des Kindes und den Aktivitäten des Kindes mit beiden Elternteilen bzw. der Mutter sowie beim Schul- und Kindergartenbesuch. Ein halbes Jahr nach abgeschlossenem Training ergab die Dokumentationsauswertung, dass bei 47 Prozent der Kinder keine Gefährdung des Kindeswohls mehr vorlag. Der Einsatz von Familienfotos, sowohl als Forschungs- als auch als sozialpädagogische Interventionsmethode, ermöglicht es, einen nicht sprachlichen Zugang zu den betroffenen Familien zu eröffnen und damit die Beteiligung stärken.
The Service We Were Missing – the Impact of Outreach Family Assistance with Peer-service for Families with a Migrant Background Where Child Welfare Risks Have Been Identified
“ProSoz Family Training & Peer Services” is the first service in Vienna that explicitly supports families with a migrant background and hardly any German language skills in cooperation with peerworkers in cases where child welfare concerns have been identified. The aim of the two-year, multi-method evaluation was to empirically assess the effectiveness and sustainability of the measure. For this purpose, changes in child protection-related measurement dimensions between the start and end of the intervention were evaluated from the perspective of both the social workers at Vienna’s Child and Youth Welfare Services and the social education workers at ProSoz. Significant improvements were evident in the child’s language development and activities with both parents or with the mother, as well as in school and kindergarten attendance. Six months after the training had been completed, the documentation evaluation showed that 47 percent of the children were no longer at risk of child welfare issues. The use of family photos, both as a research and social pedagogical intervention method, can open a non-verbal access to perspectives of the families concerned and thus strengthen participation.
Englisch als lingua franca der Wissenschaft – Chancen und Probleme. Befunde einer Studie in Österreich
Unser Beitrag untersucht die Rolle von Sprache(n) in der wissenschaftlichen Praxis in Österreich – insbesondere vor dem Hintergrund der zunehmenden Dominanz des Englischen als lingua franca der Wissenschaften. Basierend auf Umfragedaten aus dem Jahr 2022 werden Sprachkenntnisse, Sprachgebrauch sowie Einstellungen zur Anglophonisierung von Forschenden aller Fachdisziplinen analysiert. Die Ergebnisse zeigen eine weitreichende Nutzung des Englischen, machen aber zugleich disziplinäre Unterschiede und Problemlagen sichtbar – etwa in Bezug auf die Unterstützung durch Hochschulen oder Publikationsbarrieren, wenn es um sprachrelevante Themen geht. Zugleich wird deutlich, dass sowohl Mehrsprachigkeit als auch insbesondere Deutsch weiterhin zentrale Funktionen für Forschung und Wissenschaftskommunikation erfüllen. Wir schließen daraus, dass die Wissenschaft von einer Sprachenvielfalt sowie Internationalisierung lebt und insbesondere die Unterstützung von NachwuchswissenschaftlerInnen in diesem Bereich wichtig ist.
English as the Lingua Franca of Science – Opportunities and Problems. Results of a Study in Austria
Our article explores the role of language(s) in academic practice in Austria – particularly against the backdrop of the growing dominance of English as lingua franca of science. Based on survey data from 2022, we analyze language skills, language use, and researchers’ attitudes toward the anglicization of science across all academic disciplines. The findings reveal widespread use of English but also highlight disciplinary differences and challenges – such as limited institutional support or publication barriers related to language issues. At the same time, the results show that multilingualism and, in particular, German continue to play essential roles in research and science communication. We conclude that linguistic diversity and internationalization are driving science and that supporting early-career researchers in this context is especially important.