Facebook





Aktuelles Heft: »Terror – Ihr Urteil« – interdisziplinäre Analyse eines Medienereignisses - Editorial

Im Oktober 2016 zeigten drei öffentlich-rechtliche Fernsehsender in Österreich, Deutschland und der Schweiz (ORF, ARD und SRF) gleichzeitig den Film »Terror – Ihr Urteil«, und 7,5 Millionen Zuseher*innen verfolgten das partizipative TV-Event. Der Film basiert auf dem Theaterstück »Terror« des bekannten Autors Ferdinand von Schirach. Beide, Theaterstück und Film, sind als Kammerspiel konzipiert und zeigen eine Gerichtsverhandlung, in der ein Kampfpilot der deutschen Bundeswehr sich einer Anklage wegen 164-fachen Mordes stellen muss. Das Besondere an diesem als großes Event vermarkteten Fernsehabend war, dass das Publikum nicht einfach einen Film passiv konsumieren, sondern sich im Stil von interaktivem TV zum Verlauf der Inszenierung selbst involvieren konnte: Die Zuseher*innen sollten nämlich mittels Televotings über den Ausgang des Gerichtsverfahrens entscheiden, also über Schuld oder Unschuld des Angeklagten. Worum geht es in »Terror – Ihr Urteil« genau?

EINE KURZE INHALTSANGABE

Einige Monate vor der Verhandlung kaperte ein Terrorist in Deutschland ein Passagierflugzeug der Lufthansa und drohte mit einem Anschlag, der zehntausende Opfer kosten würde. Im Nationalen Lage- und Führungszentrum für Sicherheit im Luftraum, das für terroristische Bedrohungen dieser Art zuständig ist, wurde entschieden, zwei Kampfflieger aufsteigen zu lassen, die das entführte Flugzeug abdrängen und zur Landung zwingen sollten. Aber auch nach einem Warnschuss wich das Flugzeug nicht von seinem Kurs ab. Die Verteidigungsministerin wurde informiert und gab den Befehl, das Passagierflugzeug nicht abzuschießen. Dieser Befehl wurde auch an die Kampfpiloten weitergegeben, die für derartige Situationen geschult waren, und denen die Rechtslage, die den Abschuss einer zivilen Maschine untersagt, bekannt war. Während der knapp 40 Minuten, in denen die Kampfflugzeuge neben der entführten Passagiermaschine flogen, entschied im Führungszentrum niemand, das an diesem Abend mit 70.000 Personen voll besetzte Münchner Allianz-Stadion zu räumen, obwohl dieses im Theaterstück das vom Terroristen angegebene, im Film jedenfalls ein wahrscheinliches Ziel war und obwohl die Räumung nur rund 15 Minuten gedauert hätte. Als die Lufthansa-Maschine in den Sinkflug in Richtung Stadion ging, entschloss sich der angeklagte Kampfpilot dazu, das Flugzeug mit den 164 Personen an Bord mit einem Luft-Luft-Lenkkörper abzuschießen, um eine noch größere Katastrophe zu verhindern. Er sah dies als seine alleinige Verantwortung. Auf ein Eindringen der Passagiere in das Cockpit, um den Terroristen zu überwältigen, oder darauf, dass der Pilot, der das Linienflugzeug bis zum Schluss selbst steuerte, im letzten Moment ein Manöver machen würde, um einen Aufprall im Stadion zu verhindern, wollte der Kampfpilot nicht hoffen oder vertrauen. In dem Flugzeug, das über einem Kartoffelacker abstürzte, überlebte niemand.

Das Stück und der Film behandeln die Monate später stattfindende Gerichtsverhandlung. Zu den fünf Hauptfiguren des Theaterstücks und des Films zählen neben dem Angeklagten, Lars Koch, und seinem Verteidiger, Rechtsanwalt Biegler, der namenlos bleibende vorsitzende Richter, Staatsanwältin Nelson, als Zeuge Oberstleutnant Christian Lauterbach, der als Duty Controller verantwortlicher Diensthabender im Nationalen Lage- und Führungszentrum für Sicherheit im Luftraum war und auch den Befehl, das Flugzeug nicht abzuschießen, an die Kampfpiloten weitergegeben hatte, sowie Franziska Meiser als Zeugin und Nebenklägerin, deren Mann zu den Opfern des Flugzeugabschusses zählte. Es gibt außerdem noch einige Nebendarsteller*innen und Statist*innen: Ehefrau und Eltern des Angeklagten, Schöffenrichter*innen, Gerichtsschreiberin, Anwälte, Saalpublikum, Gerichtsdiener. Am Ende der Verhandlung fordern die Staatsanwältin die Verurteilung wegen 164-fachen Mordes und der Verteidiger den Freispruch. An dieser Stelle kommen Theater- bzw. Filmpublikum zum Zug. Die Inszenierung wird unterbrochen, und analog zu Schöff*innen eines Gerichts soll das Publikum entscheiden. Das Theaterstück sieht eine Entscheidung zwischen »Verurteilung« oder »Freispruch« vor; beim Film stand das Publikum vor der Wahl zwischen »schuldig« und »nicht schuldig«.

PUBLIKUMSABSTIMMUNGEN IM THEATER UND FERNSEHEN

Das Publikum der zahlreichen Theateraufführungen an unterschiedlichsten Orten entschied überwiegend für einen Freispruch des Angeklagten – und zwar durchschnittlich mit einer Mehrheit von 62,7 Prozent. Als der Film »Terror – Ihr Urteil« am 16. Oktober 2016 gleichzeitig in Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgestrahlt wurde, erfolgte auch die Abstimmung durch das TV-Publikum in allen drei Ländern. Von den rund 7,5 Millionen Zuseher*innen gaben rund 670.000 ihre Stimmen ab. Diese Abstimmungsergebnisse zeigten nicht nur deutlich höhere Anteile für Freispruch als die Theaterabstimmungsergebnisse, sie unterschieden sich auch kaum: Im ARD und im ORF votierten jeweils 86,9 Prozent und im SRF 84 Prozent für »nicht schuldig«. Warum die Mehrheit für den Freispruch im Fernsehen markant höher war als im Theater, kann nicht eindeutig erklärt werden.

Der Film wurde von TV-Studiodiskussionen auf ARD, ORF und SRF gerahmt, in denen mitunter prominente und namhafte Expert*innen versuchten, sich den komplexen rechtlichen Problemlagen anzunähern und das Monströse des dem Film zugrunde liegenden Dilemmas herauszuarbeiten. In der österreichischen TV-Diskussion im Rahmen von »Am Schauplatz Gericht – spezial« fand unter Beteiligung des damaligen Justizministers Wolfgang Brandstetter, der Rechtsphilosophin Elisabeth Holzleithner und anderer Studiogäste eine Art gemeinsamer Nachdenkprozess statt. In der deutschen TV-Debatte im Rahmen von »Hart, aber fair« prallten unversöhnliche Positionen aufeinander. Das zeigte sich insbesondere in der Auseinandersetzung zwischen dem früheren deutschen Verteidigungsminister Franz Josef Jung, der betonte, er selbst hätte entgegen der klaren rechtlichen Vorgabe den Abschussbefehl erteilt, und dem früheren deutschen Innenminister Gerhart Baum, der gemeinsam mit einem Kollegen jenes Urteil des deutschen Bundesverfassungsgerichts erstritten hatte, wonach solche Abschüsse eben nicht zulässig sein sollen. In der Schweizer TV-Debatte »Arena Spezial« diskutierten u. a. National- und Ständerät*innen unterschiedlicher politischer Parteien und ein Rechtsprofessor; sie hoben in der Debatte hervor, dass die Filminszenierung unrealistisch sei, weil der Film-Pilot viel zu wenig Informationen zur Entscheidung aus dem Führungszentrum erhalten habe. Deutlich wurde in allen TV-Diskussionen, wie komplex die Problemlagen des Films sind und wie wenig geeignet ein solcher Fall dafür scheint, mittels Publikumsvotings entschieden zu werden. Die Fernsehwelt war freilich begeistert: Im April 2017 wurde »Terror – Ihr Urteil« als bestes TV-Ereignis mit einer Romy ausgezeichnet, und im September 2017 erhielt der Film den Prix D’Or als bestes TV-Movie.

»TERROR« ALS INTERVENTION IN AKTUELLE POLITISCHE VERHÄLTNISSE – DIE TAGUNG »TERROR – IHR URTEIL: DIMENSIONEN EINES MEDIENEREIGNISSES« UND DAS VORLIEGENDE SCHWERPUNKTHEFT DER SWS-RUNDSCHAU

In der akademischen Fachwelt wie in der Qualitätspresse waren sowohl das Theaterstück als auch Film und TV-Voting weniger umjubelt. So erschienen u. a. überaus kritische Auseinandersetzungen des Rechtsphilosophen und Strafrechtlers Wolfgang Schild und des Literaturwissenschaftlers Thomas Möbius. Auch wir, Elisabeth Holzleithner und Eva Flicker, sahen uns als Rechtsphilosophin wie als Mediensoziologin mit Schwerpunkten in der Politischen Philosophie, den Gender Studies und den Visual Studies von dieser Inszenierung herausgefordert. Als gesellschaftliche Diskursbeiträge stellen »Terror« und der Film »Terror – Ihr Urteil« vor dem Hintergrund zunehmender rechtspopulistischer Bewegungen, anti-demokratischer und von Ressentiments gegen den Islam getragener Tendenzen in der Politik hochaktuelle Debatten und wertvolle Grundlagen der demokratischen, von Grundrechten getragenen rechtsstaatlichen Ordnung in den Mittelpunkt plebiszitärer Entscheidungsinszenierungen und verlagern diese in den Kunst- und Unterhaltungsbereich von Theater und Fernsehen. Theaterstück und Film tragen hochkomplexe Argumente vor und kontrastieren sie, nicht zuletzt verdichtet in den Schlussplädoyers von Staatsanwältin und Strafverteidiger, in drastischer und irritierender Weise.

Unserem persönlichen Unbehagen mit diesem Medienspektakel folgend, fassten wir den Entschluss, »Terror«, ganz besonders aber den Film »Terror – Ihr Urteil« und das um ihn herum veranstaltete Medienevent im Rahmen einer wissenschaftlichen Tagung kritisch zu durchleuchten. Dabei ging es uns um eine ebenso breite wie in die Tiefe gehende Analyse rechtswissenschaftlicher, moralphilosophischer, medien- bzw. filmwissenschaftlicher und genderanalytischer Aspekte. Wir wollten das Medienevent im aktuellen politischen Klima verorten, im Detail verstehen, wie das Theaterstück und der Film konstruiert sind, wir wollten die Knappheit und Verworrenheit der Argumentationslinien in Frage stellen, pro und contra abwägen und die subtilen Macharten der filmischen Inszenierung offenlegen. Die Leitfragen waren: Wie sind die Argumente und Aspekte des Stücks bzw. Films zu bewerten? Welche Instrumente der Inszenierung und Emotionalisierung des Publikums werden angewandt? Wie werden rechts- und moralphilosophische Fragen verhandelt, und wie ist die Qualität der juristischen Auseinandersetzung zu bewerten?

Im Rahmen unserer Tagung, die mit Unterstützung des Forschungsverbundes Gender & Agency, der sozialwissenschaftlichen und ganz besonders der rechtswissenschaftlichen Fakultät am 22. und 23. 11. 2017 an der Universität Wien stattfand und auf der das vorliegende Schwerpunktheft der SWS-Rundschau basiert, hatten wir auch die Gelegenheit, den Film in einer Kinovorführung im Votiv-Kino zu zeigen. Die Filmvorführung erfolgte exklusiv für alle Tagungsteilnehmer*innen am ersten Abend der Tagung, nachdem bereits zwei Vorträge stattgefunden hatten: jener über die Verortung des Films im Spannungsfeld von Recht, Literatur und Populärkultur von Elisabeth Holzleithner und jener von Angela Kallhoff über die moralphilosophischen Herausforderungen. Möglicherweise war es der von Beginn an kritischen Rahmung des Events durch die Veranstalter*innen geschuldet, oder aber auch der kritischen Haltung des Publikums, das in Teilen juristisch vorinformiert war: Jedenfalls zeitigte die Publikumsabstimmung zum Film ein Ergebnis, das stark von dem im Theater üblichen Abstimmungsverhalten abwich und schon gar von jenem am Fernsehabend: Von 70 abgegebenen Stimmen waren 45 für eine Verurteilung und nur 25 für einen Freispruch, d. h. 64 Prozent stimmten für Verurteilung und 36 Prozent für Freispruch. Am folgenden Tagungstag referierten Jens Eder und Eva Flicker zu filmwissenschaftlichen und genderspezifischen Aspekten. Daran anschließend widmete sich Anna Katharina Mangold der verfassungsrechtlichen Problematik und Ingeborg Zerbes erörterte die strafrechtlichen Fragen. Den abschließenden Tagungsvortrag hielt Heiner Bielefeldt, der das Medienevent in den Kontext von Debatten um den Ausnahmezustand im Rechtsstaat stellte und das zunehmende Abdriften in den Sicherheitsstaat thematisierte. Das Plakat zu unserer Tagung stammt von Karin Danielczyk und ist auf der Heftseite nach dem Editorial dokumentiert; die zentrale Grafik findet sich auf dem Cover des vorliegenden Heftes. Sie zeigt auf einen Blick die ganze Problematik: Das Flugzeug befindet sich im Fadenkreuz des Kampfpiloten; das Publikum hebt oder senkt den Daumen und entscheidet damit symbolisch nicht nur über die Legitimität des einzelnen Abschusses, sondern über zentrale Grundlagen der Rechtsordnung überhaupt.

ZU DEN BEITRÄGEN DES SCHWERPUNKTHEFTES

Die Beiträge des vorliegenden Schwerpunktheftes nähern sich den in Stück und Film angelegten Herausforderungen aus verschiedenen disziplinären Perspektiven an und machen in ihren gehaltvollen Analysen deutlich, welcher Gewinn aus einer interdisziplinären Betrachtung zu generieren ist.

Elisabeth Holzleithner positioniert Stück und Film an der spannungsvollen Schnittstelle von Recht, Literatur und Populärkultur. Die Autorin bezieht sich dabei auf in den USA entwickelte und mittlerweile auch in Europa etablierte Forschungsfelder. Deren Anliegen ist eine Öffnung und Erweiterung des juristischen Horizonts, der zumal in der Ausbildung nicht darauf beschränkt sein sollte, Rechtsanwendungstechniken zu vermitteln. Die Analyse legt den Fokus insbesondere auf die Zeichnung des Kampfpiloten Lars Koch, seine selbstgerechte Weigerung, die Richtigkeit seines Handelns zu hinterfragen und die bisweilen ins Zynische gehende Verteidigung durch seinen Anwalt, der in einem blendenden Plädoyer den Freispruch fordert. In der Folge wird Lars Koch mit zwei ungleich brüchigeren Helden aus TV-Serien kontrastiert, die mit Ausnahmesituationen konfrontiert sind: Lee »Apollo« Adama aus »Battlestar Galactica« und Jack Bauer aus »24«. Daran anschließend wird das populärkulturelle Motiv des Heldentums im Ausnahmezustand hinterfragt, und es wird erörtert, inwieweit die vom Anwalt in »Terror« mit Verve vorgetragene These einer dem Recht vorgehenden höheren Gerechtigkeit die rechtlichen Fragestellungen verzerrt und Grundprinzipien der Rechtsordnung aushöhlt.

Angela Kallhoff präsentiert in ihrem Artikel über Terrorabwehr als moralisches Drama eine ethische Analyse der in »Terror« angelegten Geschehnisse und trägt mögliche Beurteilungen der Dilemma-Situation von Lars Koch vor. Die Autorin betont dabei, dass ihre Analyse sich ausschließlich ethischen Fragen widmet und damit solche, die das Verhältnis von Recht und Moral betreffen, nicht mit einbezieht. Kallhoff setzt sich zunächst mit problematischen »eindimensionalen Auflösungen« auseinander – dies auf Grundlage klassischer ethischer Ansätze (utilitaristisches Kalkül, moralischer Absolutismus). Dann wird die Situation als ein moralisches Dilemma erörtert, da Lebensrechte unterschiedlicher Menschen miteinander konfligieren. Solche Dilemma-Situationen erweisen sich als prinzipiell unauflösbar, daher überlegt Kallhoff, ob nicht statt allgemeiner ethischer Prinzipien eine Sonderethik zur Beurteilung herangezogen werden muss. So könnte sich herausstellen, dass eine differenzierte Kriegsethik den Herausforderungen von Terror und Terrorabwehr angemessener zu begegnen vermag als die allgemeine Ethik. Ob dies tatsächlich der Fall ist, wird abschließend erwogen.

Eva Flickers Beitrag beschäftigt sich mit »Terror – Ihr Urteil« zwischen Diskurs, Emotionalisierung und Gender aus einer film- und mediensoziologischen sowie gendertheoretischen Perspektive. Dabei bezieht sich die Autorin sowohl auf den Film als auch auf die TV-Publikumsabstimmungen und die anschließenden Studiodiskussionen in den Sendern ARD, ORF und SRF. Zunächst werden die zahlreichen Gender-Einschreibungen der filmischen Inszenierung untersucht. Danach erörtert die Autorin die Emotionalisierung des TV-Publikums im Rahmen des Voting-Events im Kontext einer kritischen Film- und Diskursanalyse. Die Analyse stellt »Terror – Ihr Urteil« in einen größeren diskursiven Kontext um Rechtsstaat vs. Sicherheit, Anti-Feminismus/ Anti-Genderismus, Anti-Intellektualismus und Populismus und hebt anti-aufklärerische, anti-feministische und anti-demokratische Implikationen des Films hervor. Anna Katharina Mangold widmet sich in ihrem Text der verfassungsrechtlichen Perspektive. Ausgangspunkte sind die deutsche Verfassung, das Grundgesetz, und eine Entscheidung des deutschen Bundesverfassungsgerichts über die Verfassungswidrigkeit einer Norm des Luftsicherheitsgesetzes, die den Abschuss von Flugzeugen erlaubte. Mangold thematisiert das Verhältnis von Grundrechten und Ausnahmezustand und kritisiert das Stück »Terror« insofern, als es eine rechtlich nicht geregelte Ausnahmesituation und eine moralische Gewissensentscheidung ohne rechtliche Grundlage behauptet. Danach erläutert sie die Argumentation des Bundesverfassungsgerichts, fokussiert auf das Recht auf Leben und Menschenwürde, und kritisiert an Schirachs Stück, dass es diese rechtlichen Fundamente relativiert. Demgegenüber betont Mangold die Selbstbindung des Staates an Grundrechte: Die unbedingte Gewährleistung der Menschenwürde im Grundgesetz verbietet demnach die Aufrechnung von Leben gegen Leben jeder Art. Ein Flugzeugabschuss wie in »Terror« kann nicht als rechtmäßig bewertet und das Stück als nicht geeignet beurteilt werden, die Öffentlichkeit fundiert über schwierige Rechtsfragen aufzuklären.

Ingeborg Zerbes erörtert in ihrem Beitrag den »Rettungsabschuss« durch Lars Koch vor dem Hintergrund, dass die kontinentaleuropäische Verbrechenslehre dem Staat nur dann erlaubt, auf ein mit Strafe bedrohtes Verhalten mit Strafe zu reagieren, wenn der Täter auch rechtswidrig und schuldhaft gehandelt hat. Zerbes legt dar, dass die strafrechtliche Dogmatik an Fällen wie dem vorliegenden an ihre Grenzen stößt. Sie stellt zunächst unterschiedliche Konzepte der strafrechtlichen Zurechnung (Strafbestand, Rechtwidrigkeit, Entschuldigung) vor und argumentiert, dass eine Straflosigkeit von Koch möglicherweise »unter der Flagge eines Notstands vertreten werden« kann. Sie differenziert zwischen rechtfertigendem und entschuldigendem Notstand und zeigt, dass eine Rechtfertigung des Rettungsabschusses ausgeschlossen ist: Die Tötung von Menschen bleibt auch dann rechtswidrig, wenn das Leben anderer Menschen dadurch gerettet wird. In Frage kommt jedoch ein Freispruch aufgrund einer Entschuldigung, weil nur solches Unrecht zur Strafe führt, das dem Täter persönlich vorgeworfen werden kann. Ein solcher Vorwurf mag bei dem Dilemma, in dem der Täter hier gefangen ist, tatsächlich entfallen. Die Argumente, die zu einer solchen Entschuldigung führen können, sind in einem Strafverfahren transparent zu machen – dies und die erforderlichen strafrechtlichen Differenzierungen werden in »Terror« wie »Terror – Ihr Urteil« aber kaum zum Ausdruck gebracht. Das Heft ist in enger Kooperation mit unserem Mit-Herausgeber Christian Schaller von der SWS-Rundschau entstanden, dem wir an dieser Stelle sehr herzlich für die umfassende, ebenso genaue wie einfühlsame Betreuung der werdenden Texte danken. Unser Dank gilt auch den Autorinnen Angela Kallhoff, Anna Katharina Mangold und Ingeborg Zerbes ebenso wie unserer Plakatgestalterin Karin Danielczyk, mit denen zusammenzuarbeiten unkompliziert und vergnüglich war. Und so freuen wir uns sehr, als Mit-Herausgeberinnen das Schwerpunktheft der SWS-Rundschau »›Terror – Ihr Urteil‹ – interdisziplinäre Analyse eines Medienereignisses« präsentieren zu können, welches eine Fülle von Herausforderungen und Fragestellungen aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven versammelt, und wünschen eine anregende Lektüre.

Eva Flicker und Elisabeth Holzleithner (Universität Wien)

REDAKTIONELLER AUSBLICK AUF DIE SWS-RUNDSCHAU 2019

Die bisherige Kooperation mit dem Verlag des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB-Verlag), der für VISSA, den Verein für interdisziplinäre sozialwissenschaftliche Studien und Analysen (Medieneigentümer und Herausgeber der SWS-Rundschau) 2018 Layout, Satz und Druck unserer Zeitschrift übernommen bzw. in Auftrag gegeben hat, wird mit Heft 4/ 2018 einvernehmlich beendet. Die Redaktion dankt dem ÖGB-Verlag herzlich für die ausgezeichnete Zusammenarbeit – vor allem Iris Kraßnitzer (Verlagsleiterin), Peter Paul Waltenberger (Zeitschriftenproduktion), Gabriela Niederführ, Walter Schauer, Nicola Skalé (Layout und Satz) sowie Michael Musser (Printmanagement). Der Jahrgang 2019 wird in Kooperation mit dem mandelbaum verlag produziert, der Layout, Satz und Druck übernimmt bzw. in Auftrag gibt.

Die Zeitschrift soll 2019 mit einem neu gestalteten Cover und auch mit dem neuen Namen »Sozialwissenschaftliche Rundschau« erscheinen, die bisherige (Kurz-) Bezeichnung SWS-Rundschau soll beibehalten werden. Nähere Informationen dazu finden sich in Heft 1/ 2019 und sind dann auch dort ersichtlich.

Für die Finanzierung des gesamten Jahrgangs 2019 sind noch weitere Förderungen bzw. Spenden erwünscht – wir werden uns selbst darum bemühen und rufen auch andere am Fortbestand unserer Zeitschrift Interessierte dazu auf, im Rahmen ihrer Möglichkeiten Förderungsideen vorzuschlagen und/ oder finanzielle Beiträge zu leisten.

Heft 1/ 2019 ist ein »offenes Heft« und wird im März oder April erscheinen. Nr. 2/ 2019 ist ebenfalls ein »offenes Heft«. Redaktionsschluss ist am 15. März. Dieses Heft wird im Juni erscheinen. Die Hefte 3 und/ oder 4/ 2019 sollen Schwerpunktthemen gewidmet sein. Nähere Informationen folgen unter www.sws-rundschau.at und in Heft 1/ 2019.