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Graphik: Bulletpoint Aktuelles Heft: OFFENES HEFT - Ausgewählte Rezension

Dux, Günter :  Die Evolution der humanen Lebensform als geistige Lebensform (2017)
Wiesbaden: Springer Verlag.

Rezensiert von: Anton Amann


Von der Vorstellung, dass die Lebensform der Gattung Mensch (homo sapiens) eine geistige sei, ist die philosophische Anthropologie zumindest seit Johann G. Herder (er nannte sie allerdings Vernunft) ausgegangen, und Max Scheler erhob den Menschen dann schlechthin zum Geistwesen, damit dessen Sonderstellung in der Welt zu begründen trachtend. Wodurch diese Lebensform als geistige möglich geworden ist und vom Menschen selbst geschaffen werden konnte, ist als Frage allerdings kaum je in erkenntniskritisch geeigneter Weise gestellt und beantwortet worden. Sie würde bedeuten, der Tatsache vollgültig Rechnung zu tragen, dass die Lebensform des Menschen einem durch und durch ¬säkular verstandenen Universum zugehört und sich aus der Evolution herausgebildet hat, wodurch Geist nicht mehr auf ein ¬irgendwie außer uns selbst liegendes ¬höheres (oder tieferes) Prinzip zurückgeführt werden kann, wie das seit der Antike geschehen ist und heute noch mitunter versucht wird. Eine soziologisch verstandene Theorie des Menschen und der ¬Gesellschaft muss sich unter dieser Vo¬raussetzung der anthropologischen bzw. evolutionären Grundlagen versichern, ohne die eine Herausbildung des Gattungswesens homo sapiens nicht denkbar ist, und sie muss zugleich nach einer Erklärung für die gesellschaftliche Entstehung dieser ¬Lebensform trachten.

Mit dem vorliegenden Buch hat Günter Dux, Prof. emer. der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg, wie auch nicht anders erwartet werden konnte, einen weit mehr als nur bemerkenswerten Schritt unternommen, der diesen Erfordernissen entspricht, und der sich als weiterer Baustein in seine sozialwissenschaftliche Theorie gesellschaftlicher Entwicklung einfügt, ¬die insgesamt den Bildungsprozess der humanen Lebensform und deren Entwicklung zu rekonstruieren versucht. In der deutschsprachigen Nachkriegssoziologie wird die von ihm entwickelte »historisch-genetische Theorie« neben den ähnlich komplexen Theoriearchitekturen von Jürgen Habermas und Niklas Luhmanns zu den anspruchsvollen und wegweisenden soziologischen Großtheorien gezählt. Wer mit Dux’ Arbei¬ten vertraut ist, könnte hier einwenden, dass sein ganzes bisheriges Werk der Rekon¬struktion der humanen Lebensform gegolten habe, beginnend bei ihren Anfängen in der Evolution der Gattung bis zu den historisch späten Problemen der Gerechtigkeit, der Demokratie und der Legitimationsfragen der Gegenwartsgesellschaft. Richtig, das alles muss ich zugestehen, doch das Besondere, das mich an diesem Buch sofort vereinnahmte, war die erstmals Schritt für Schritt durchargumentierte Geistigkeit dieser Lebensform, die der Mensch aus seiner Naturgeschichte konstruktiv hervorgebracht hat.

Es geht um die Klärung der Frage, wie sich die Geistigkeit der menschlichen Lebensform in den Strukturen des Handelns, des Denkens und der Sprache als Lebensform auszubilden vermochte, mithin um eine Anthropologie des Geistes. Geistigkeit stellt sich, anders als je zuvor, als ein in der Evolution zum Menschen auf einer medialen Ebene des Bewusstseins entstandenes Vermögen dar, Geist ist die Form gewordene Prozessualität der Lebensführung des Menschen (3). Die strikte Konzentration auf die durch den Menschen selbst konstruktiv geschaffene geistige Lebensform führt zu einer Absage an alle prästabilierten Vorstellungen wie: Handeln, Denken und Sprache ließen sich im Genom und, vermittelt durch das Genom, im Gehirn verorten, kommunikative Kompetenz im Sinne von Den-Anderen-Verstehen sei angeboren oder gar: das soziale System der Gesellschaft sei unabhängig von den durch die Evolution geschaffenen Verhältnissen.

Wo ist der Ansatzpunkt eines solchen Unternehmens zu suchen? Er liegt in der von Günter Dux so genannten »anthropologischen Konstellation« des Menschen (63). Im Übergangsfeld zwischen Hominiden und Homininen wächst das Gehirn und im Zuge dieser Entwicklung tun sich für den Menschen drei strukturbildende Möglichkeiten auf: das Öffnen der Welt, das Schwinden der organischen Schaltkreise (Instinktabhängigkeit) und der konstruktive Aufbau der Welt (37). Auf diese Entwicklung konnte der Organismus nur auf eine einzige Weise reagieren: durch die Ausbildung einer geistig-konstruktiven Lebensform (nur in deren Entwicklung konnte er in der Welt bleiben und sich zugleich von ihr distanzieren). Sie erfolgt durch die Entwicklung der Handlungskompetenz, der Sprache und des Denkens in wechselseitiger Abhängigkeit. Nur diesen Strukturmomenten oder Strategien ist das ganze Potenzial eigen, aus dem Familie, Gemeinschaft, Gesellschaft, Religion, Macht, Herrschaft usw. geschaffen wurden. Handlungskompetenz erlaubt den verändernden Eingriff indie Welt, Sprache ermöglicht Kommunikation und im Wege über Repräsentation des Handelns und der Objekte und Ereignisse in der Welt das Denken (auch Denken über Denken) – keines ohne das andere.

Günter Dux hat, gewissermaßen als dramaturgisches Mittel, einen behauenen Stein aus der Oldowaischlucht in Tansania (einen Fäustling) genommen und an ihm die »erste« Handlungsform entdeckt, die er dann, gestützt durch allerdings nur spärliches Material, bis zum homo sapiens in eins mit der Ausbildung von Denken und Sprache verfolgt hat. Diesem Stein stehen die »Handäxte« des Acheulèen gegenüber, etwa eine Million Jahre später. Methodisch durchgehalten ist dabei die Hauptthese, dass erst an den entwickelterenFormen offenbar wird, was in die früheren eingegangen ist. Nun muss eingeräumt werden, dass dieser Entwicklungsprozess, beginnend mit der Evolution des Gehirns, nur spärliche empirische Anhaltspunkte liefert und dass dies wohl auch in aller ¬Zukunft so sein wird. Die Theorie, die Günter Dux hier für die Rekonstruktion der geistigen Lebensform entwickelt hat, lässt sich daher keinem empirischen Test aussetzen, sie kann nur durch systematische und dichte Argumentation ihre Plausibilität steigern – das tut sie allerdings in überzeugender Weise.