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Graphik: Bulletpoint Aktuelles Heft: OFFENES HEFT - Ausgewählte Rezension

Thiele, Martina :  Medien und Stereotype. Konturen eines Forschungsfeldes (2015)
Bielefeld: Critical Media Studies: transcript.

Rezensiert von: Ulli Weish

Die umfangreiche Monographie der Salzburger Assistenz-Professorin Martina Thiele am Institut für Kommunikationswissenschaft im Fachbereich Kommunikationstheorien und Öffentlichkeiten der Universität Salzburg ist nicht nur eine Habilitationsschrift, die den historischen und aktuellen Forschungsstand zum Dauerthema Rollenstereotype in den Medien zusammenfasst. Die Publikation kann als praxisbegleitendes Nachschlagewerk für weiterführende Studien, aber auch als Definitionsgrundlage für medialisierte Phänomene des Alltags (im Themenkreis von Kulturchauvinismen, Geschlechterdiskriminierungen, Altersklischees, Berufsgruppen-Stereotypen etc.) eingesetzt werden.

Im Aufbau der Arbeit zeigt sich das ambitionierte Ziel der Autorin: Sie versammelt neben einem ausführlichen Abschnitt von Begriffsdefinitionen (Unterschiede und Berührungs- bzw. Überschneidungsaspekte der Begriffe Kategorie, Stereotyp, Klischee, Vorurteil, Feindbild, Bild und Image) ebenso die verschiedenen theoriegeleiteten Strömungen in der Debatte der medialisierten Stereotypen- und Vorurteilsforschung. Sie geht dabei auf transdisziplinäre Forschungsergebnisse aus der Soziologie, der Politikwissenschaft, der Kulturwissenschaft, der Psychologie und insbesondere der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft etc. ein und erläutert die Funktionen von Stereotypen als Wissen, Orientierung, Komplexitäts- wie auch Dissonanzreduktion, aber auch als Abwehr, Verteidigung sowie als Identitätsbildung und -stabilisierung. Die ideologischen und desintegrativen Aspekte von Stereotypenbildungen werden dabei ebenso – als Kritik am »Funktionalismus« in einigen Strömungen der empirischen Sozialwissenschaft – ausgeführt, m. a. W. die systemimmanente Logik und Sinnhaftigkeit von Vorurteilen werden zwar erklärt, aber nicht ideologisiert und gerechtfertigt. In diesem Abschnitt fasst sie branchen- und medienrelevante Berufskodizes (Journalistischer Ethikkodex, Werbeethik-Regeln der Selbstregulation etc.) zusammen und skizziert die aktuelle Gesetzeslage zur Vermeidung von Diskriminierung, die durch Medien vertieft und verbreitet wird. Wie daher Beständigkeit einerseits, Wandel von Stereotypen andererseits medial hergestellt und beforschbar werden, erläutert Thiele sowohl in diesem Abschnitt als auch anhand der konkreten Themenfelder, die sie für ihre Metaanalysen heranzieht.

Die Wissenschaftsgeschichte der Stereotypenforschung ist mit der politischen Zeitgeschichte eng verwoben, die Fragestellungen der Studien werden kritisch kontextualisiert und in einen historischen Rahmen gebracht. Für den US-Wissenschaftsdiskurs werden die Publikation von Walter Lippmann (1922: Public Opinion), die Studien von Daniel Katz und Kenneth Braly (1933: Racial Stereotypes), die Überlegungen von Stuart Rice (1926: Stereotypes: A Source of Error in Judging Human Character), die berühmte Theorie- und Forschungsarbeit der Gruppe um Theodor W. Adorno et al. (1950: The Authoritarian Personality), die UNESCO-Studie (1951: National Stereotypes and International Understanding) sowie die bis heute häufig zitierten Überlegungen von Gordon Allport (1954: The Nature of Prejudice) und schließlich die Studien von Henri Tajfel (1969: Cognitive Aspects of Prejudice; 1981: Human Groups and Social Categories) dargestellt.

Das späte Einsetzen des Themas im deutschsprachigen Wissenschaftsfeld beschreibt Thiele anhand von Fallbeispielen der publizistikwissenschaftlichen Fachgeschichte. In diesem Abschnitt werden die Studien von Peter R. Hofstätter (1949: Psychologie der öffentlichen Meinung), aber auch die Ambivalenz im Umgang mit NS-Verbrechen skizziert, in die viele ForscherInnen der Nachkriegszeit in Deutschland und Österreich verstrickt waren. Das Frankfurter Institut für Sozialforschung sowie die Sodhi-Bergius-Studie zu Nationalen Vorurteilen (1953) stellten den Anschluss an die kritische US-Forschung der 40er- und 50er-Jahre wieder her.

Im dritten und letzten Abschnitt versammelt Thiele Metaanalysen und deren Ergebnisse zu folgenden Themenkreisen, die im Rahmen der Stereotypenforschung eine hohe Relevanz aufweisen: 1. Stereotype-Forschung zu Nationen und Ethnien; 2. Religionen und Stereotype (Antisemitismusforschung, Islamophobieforschung, christliche Stereotype); 3. Geschlechter-stereotype (im Rundfunk, in der Presse, in der Werbung); 4. Altersstereotype sowie 5. Berufe und Stereotype (JournalistInnen, PolitikerInnen, UnternehmerInnen, WissenschaftlerInnen, ÄrztInnen und medizinisches Personal). Sie vertritt dabei den intersektionellen Ansatz, indem die verschiedenen Aspekte von Stereotypen (z. B. Geschlecht, Ethnie, Klasse, Alter) in den Analysen kontextualisiert werden.

Thiele bietet in dieser Publikation eine theoriegeleitete wie auch methodische Übersicht in einem bisher unübersichtlichen Forschungsfeld. Sie fügt zu den heute brisanten Themenfeldern einer Stereotypisierung epistemologische Überlegungen an, die den widersprüchlichen Rahmen von Kritik an Stereotypen aufzeigen. Denn auch wenn Stereotype sich wandeln (z. B. Frauenbilder in der Werbung vom alten Hausfrauenklischee zum heutigen jungen selbstbewussten Sexobjekt), sie »bleiben in der Welt und sorgen mit ihrem immanenten Aufforderungscharakter dafür, sich dem Stereotyp anzupassen, selbst noch im Akt des Sich-Widersetzens. Kritik und Ironie führen aus dem Dilemma nicht unbedingt heraus, denn auch sie verschaffen dem eigentlichen Stereotyp und der binären Struktur rassistischer, sexistischer u. a. Stereotypisierungen erneute Präsenz« (392).

Wer sich daher aktuell mit medial vermittelten Vorurteilen auseinandersetzt, wird in dieser Publikation eine Vielzahl von Anregungen, Wissen und kritischen Analysen zur Weiterführung finden. Einfache »Lösungen« für komplexe Themen bietet dieses Buch nicht, dafür Anregungen für Studien und Differenzierungen im Denken.