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Graphik: Bulletpoint Aktuelles Heft: OFFENES HEFT - Ausgewählte Rezension

Binder, Susanne/ Fartacek, Gebhard (HgInnen):  Facetten von Flucht aus dem Nahen und Mittleren Osten (2017)
Wien Facultas Verlag.

Rezensiert von: Eduard Gugenberger

Es passiert selten, dass der Rezensent ein wissenschaftliches Werk in die Hände bekommt, das, von zahlreichen Autor/innen, mehrheitlich Autorinnen verfasst, so zu fesseln vermag, wie man es sonst nur bei Krimis erlebt. Insgesamt 18 Student/innen und Mitarbeiter/innen des Instituts für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien (als ich dort studierte, hieß es noch Institut für Völkerkunde) haben mit ihren Beiträgen für den vorliegenden Sammelband Expertisen abgeliefert, die spannend und informativ zugleich der nah- bis mittelöstlichen Fluchtproblematik auf den Grund gehen.

Bei der Arbeit mit aus diesem Raum Zugewanderten erleben jene, die sie betreuen und ihnen Deutsch beibringen, oft tiefgreifende Verständnisprobleme. Diese aus dem Weg zu räumen und die anstehenden Debatten über den in unseren Medien tagtäglich breitgetretenen Problembereich »Flüchtlinge« mit wissenschaftlich fundierten Artikeln zu untermauern, sind die Autor/innen des vorliegenden Bandes angetreten. Ihnen geht es vor allem darum, »dass wissenschaftliche Forschungsergebnisse Eingang finden in integrationspolitische und alltagspraktische Überlegungen« (7), wie die beiden Herausgeber/innen Gebhard Fartacek, Projektleiter an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien, und Susanne Binder, Kultur- und Sozialanthropologin an der Universität Wien, formulieren.

Gebhard Fartacek skizziert zu Beginn in packend informativer Weise die Situation in Syrien. Der Orientalist Philipp Bruckmayr stellt diese in einen globalen Zusammenhang. Dabei wird »anhand einiger prägnanter Beispiele« (55) klar, dass Syrien in der Entwicklung dessen, was ¬gemeinhin als »Islamismus« bezeichnet wird, eine zentrale Rolle spielte. Die Kultur- und Sozialanthropologin Melanie Schwaß erweitert den Blick auf die Lage in Afghanistan, ergänzt durch den Sozialanthropologen Leonardo Schiocchet, der einen kurzen Überblick über die mittelöstlichen Flüchtlingsverhältnisse bietet.

Zwei grundlegend theoretischen Darstellungen der Kultur- und Sozialanthropologinnen Susanne Binder und Jelena Tošić folgen fünf Beiträge über die Perspektiven der Flüchtlinge in Österreich. Die Ethnologin Petra Limberger setzt sich mit den hiesigen Asylverfahren auseinander, bringt eine Einführung in die rechtlichen Grundlagen und zeigt die einzelnen Schritte solcher Prozeduren auf. Die Kultur- und Sozialanthropologin Irene Kucera beschreibt die Rahmenbedingungen und die alltägliche Praxis des Asylzentrums der Caritas. Ihre Kollegin Sandra Schweiger nimmt die zweite große österreichische Hilfsorganisation, die Diakonie, genauer unter die Lupe. Einem ganz speziellen Projekt, »Willkommen Mensch in Kilb«, widmet die Organisationsberaterin und Supervisorin Sigrid Waser-Wagner ein kurzes Kapitel, das die in der Praxis auftretenden Probleme der Flüchtlingsbetreuung thematisiert. Die Flüchtlingsinitiative MORE, die sich um Hochschulbildungsangebote für Geflüchtete bemüht, steht im Mittelpunkt des Beitrags der Historikerin, Philologin und Soziologin Elisabeth Fiorioli.

Drei psychologisch geschulte Autorinnen, Yvonne Schaffler, Nora Ramirez Castillo und Elena Jirovsky, beschäftigen sich mit den Traumatisierungen, die das Erlebnis der Flucht mit sich bringt. Ihr Fazit: »Psychotherapeutische Behandlung innerhalb adäquater Rahmenbedingungen« wäre eine wichtige Grundlage, auf der konkrete Integrationsarbeit aufbauen kann (246).

Den abschließenden Hauptteil des Buches bilden Interviews mit syrischen Flüchtlingen, die in fünf Themenschwerpunkten vorgestellt und ausgewertet werden. Die Kultur- und Sozialanthropologin Lisa Vavra sprach mit einer aus Syrien stammenden Wiener Restaurantbesitzerin und stieß dabei auf teilweise widersprüchliche Ansichten, die sich aus Erinnerungen und in der Ferne neu gewonnenen Eindrücken bezüglich ihres Heimatlandes ergeben. Dass Medien massiven Einfluss auf die Sicht nicht nur des Syrienkonflikts haben, wird in Gesprächen mit Geflüchteten immer wieder deutlich (ähnliche Erfahrungen machte auch der Rezensent). Der Soziologe und Religionswissenschaftler Andreas Schulz führte ein Gespräch mit einem kurdischen Studenten, der den Beginn des Krieges an der Universität Aleppo miterlebte. Dabei wird klar, dass die im Konflikt aufgerissenen Gräben quer durch alle Volksgruppen verlaufen. Die Kultur- und Sozialanthropologin Camilla Mittelberger schildert anhand von zwei Interviews die Geschehnisse in zwei Stadtteilen der syrischen Hauptstadt Damaskus »in den Tagen der Revolution« (269). Ihre Kollegin Astrid Aringer schließlich sprach mit zwei syrischen Christinnen, die schlicht nicht verstehen, »warum die Leute einander umgebracht haben« (283). Im Speziellen wird dabei auch die sexualisierte Gewalt thematisiert, die von allen Konfliktparteien ausgeübt wird.

Im letzten Beitrag des Herausgebers Fartacek wird auf eine ganz besondere Einrichtung hingewiesen: das Phonogrammarchiv der ÖAW. Dort lagert das Ergebnis eines Interviewprojekts, in dessen Rahmen auf wissenschaftlicher Grundlage Gespräche mit Geflüchteten »aus dem Großraum Syrien« geführt wurden. Fartacek hat diese in seinem Beitrag in gegenseitiger Abklärung mit dem Ziel aufgearbeitet, ein Gesamtbild des Konflikts zu erlangen. Die archivierten Interviews böten im Prinzip einen Schatz für die journalistische Weiterverarbeitung. Tatsächlich aber kochen die Medien ihr eigenes Süppchen, das den Blick auf die tatsächlichen Gegebenheiten trübt. Der vorliegende Band will diesen Blick wieder schärfen – und er schafft dies in grandioser Weise. »Facetten der Flucht aus dem Nahen und Mittleren Osten« ist ein Standardwerk für alle, die mit diesem Themenkomplex beschäftigt sind.