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Graphik: Bulletpoint Aktuelles Heft: »Terror – Ihr Urteil« – interdisziplinäre Analyse eines Medienereignisses - Ausgewählte Rezension

Ermann, Ulrich u. a. :  Agro-Food-Studies. Eine Einführung (2018)
Wien u. a.: Böhlau-Verlag.

Rezensiert von: Sigrid Kroismayr

Wenn eine Einführung in deutscher Sprache einen englischen Titel trägt, ist das erklärungsbedürftig. Und so überrascht es nicht, wenn die AutorInnen gleich zu Beginn des Buchs auf den Umstand hinweisen, warum sie auf eine Übersetzung des im anglo-amerikanischen Raum bereits etablierten Forschungsansatzes verzichten. Ihr wichtigstes Argument ist, dass der Begriff »Food« sehr viel mehr Bedeutungen umfasst als das deutsche Wort »Ernährung« und Aspekte von Nahrung, Lebensmitteln und Essen beinhaltet. Ob das ein ausreichendes Argument ist, sei dahingestellt. Wichtig ist jedoch, dass es sich hier um eine Wissenschafts- und Studienrichtung handelt, die Disziplingrenzen überwinden will, wenngleich eine sozial- und kulturwissenschaftliche Perspektive mit kritischer Ausrichtung Teil des Selbstverständnisses ist, auf deren Basis die Produktion und der Konsum von Lebensmitteln ein­­er Zusammenschau unterzogen werden.

Der interdisziplinäre Aspekt ist nicht nur ein Lippenbekenntnis, sondern wird von den AutorInnen schon allein deshalb eindrucksvoll eingelöst, weil sich hier tatsächlich WissenschafterInnen aus ganz verschiedenen Bereichen zusammengefunden haben: Ulrich Ermann lehrt als Professor am Institut für Humangeografie an der Universität Graz, Ernst Langthaler ist Professor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Linz, Marianne Penker leitet das Institut für Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung an der Universität für Bodenkultur in Wien und Markus Schermer ist Professur am Institut für Soziologie an der Universität Innsbruck.

Der Aufbau des Buchs verdient Beachtung, da in der Kapiteleinteilung – man möchte fast sagen – ein rhythmisches wie ästhetisches Element sichtbar wird und als Gliederungsmerkmal folgende Gegensatzpaare definiert werden: »Tradition und Moderne«, »Globalisierung und Regionalisierung«, »Gesellschaft und Umwelt«, »Natur und Technik«, »Kopf und Bauch«, »Mangel und Überfluss«, »Verbindendes und Trennendes« sowie »Stabilität und Veränderung.« Allerdings ist nicht ersichtlich, welche Kapitel von wem geschrieben wurden. Dass es sich um einzelne AutorInnenschaften handelt, merkt man als LeserIn allerdings daran, dass der kritische Blick, der ein zentrales Merkmal der Agro-Food-Studies ist, nicht in jedem Beitrag gleichermaßen zum Ausdruck kommt.

Interessant zu lesen ist etwa im Kapitel »Tradition und Moderne«, wie sich die Nahrungsregime, gekennzeichnet »durch ungleiche Tausch- und Machtbeziehungen zwischen Zentren und (Semi-) Peripherien innerhalb des Weltsystems« (19) seit Mitte des 19. Jahrhunderts verändert haben, wie ein UK-zentriertes ab den 1992er-Jahren von einem US-zentrierten Nahrungsregime abgelöst worden ist, und dass seit Mitte der 1990er-Jahre ein auf die Welthandelsorganisation (WTO) zent­riertes Nahrungsregime besteht. Im Kapitel »Gesellschaft und Umwelt« wird die Nahrungsmittelerzeugung vor allem aus einer sozialökologischen Perspektive betrachtet, wobei der Schwerpunkt eindeutig auf den ökologischen Dimensionen liegt. Diese Schwerpunktsetzung erfolgt allerdings in einer eher formalistischen Weise, indem die Wirkungszusammenhänge tendenziell abstrakt beschrieben werden, sodass man das ökologische Desaster, das mit der gegenwärtigen globalen Nahrungsmittelproduktion verbunden ist, bequem beiseiteschieben kann.

Das Kapitel »Kopf und Bauch« nimmt auf die »Empfindungsseite« des Essens Bezug, ohne jedoch die gesellschaftliche Verfasstheit dieser Dimension zu vergessen. Als theoretische Referenz wird Michel Foucault herangezogen, der unter »Biopolitik« Machttechniken verstanden hat, die auf das Leben der gesamten Bevölkerung abzielen. Daher scheint es auch gerechtfertigt, die landwirtschaftliche Produktion und Ernährung unter diesem Aspekt zu betrachten. Dieses Kapitel enthält auch eine Genderperspektive, in der die Herstellung männlicher und weiblicher Geschlechterstereotype durch Praktiken des Kochens und Essens aufgezeigt werden. Sehr interessant sind auch die Hinweise auf die Forschung von Julie Guthman, die nicht nur die Definition von Fettleibigkeit durch den Body-­Mass-Index (Körpergewicht dividiert durch das Quadrat der Körperlänge) kritisiert, weil Körperbau, Muskelmasse oder Fettverteilung ausgeblendet werden; sie weist auch darauf hin, dass die Agrar- und Ernährungsmittelindustrie Lebensmittel produziert, die Dickmacher enthalten, weshalb der »fehlernährte« Körper keineswegs nur ein Problem des sozialen Umfelds ist.

Mit besonderem Gewinn hat die Rezensentin vor allem das Kapitel »Mangel und Überfluss« gelesen, primär aus zwei Gründen: Zum einen wird konsequent gegen die häufig vertretene Meinung argumentiert – zumindest ist das die Erfahrung der Rezensentin –, dass die Welternährungsfrage nur durch die Eindämmung des weltweiten Bevölkerungswachstums gelöst kann. Es wird angemerkt, dass die Weltbevölkerung in den letzten 200 Jahren auf das Sechs- oder Siebenfache gestiegen ist, während im gleichen Zeitraum die Steigerung der Nahrungsmenge mindestens das Zehnfache betragen hat. Darüber hinaus erfolgt auch ein differenzierter Einblick in die weltweite Entwicklung und Verteilung der Über- und Untergewichtigen. Während der Anteil der Untergewichtigen, gemessen am Body-Mass-Index, zwischen 1975 und 2014 von vierzehn auf neun Prozent gesunken ist, ist der Anteil der Übergewichtigen von fünf auf dreizehn Prozent gestiegen. Unterernährung wie Übergewicht hängen dabei ursächlich mit (neo-) kolonialen Praktiken und Verhältnissen zusammen. Um nur ein paar Stichworte zu nennen: Durch Großgrundbesitz verschlechterte sich der Zugang zu Nahrung für große Gruppen der Gesellschaft; Agrarsubventionen der OECD-Staaten führten und führen im Globalen Süden zur Aufgabe von Land der bäuerlichen Bevölkerung, die in die Armutsviertel der Megastädte abwandert; Landgrabbing durch Regierungen und Konzerne entzieht diesen Ländern weiter wertvollen Boden; die Billigprodukte transnational agierender Konzerne tragen wesentlich zur steigenden Fettleibigkeit in den Ländern des Globalen Südens bei.

Im letzten Kapitel »Stabilität und Veränderung« wird ein Ausblick in die Zukunft gewagt. Zwar wird kein Zweifel daran gelassen, dass »business as usual keine Zukunftsoption« ist (195), gleichzeitig stehen die Zeichen auf Steigerung des ressourcenintensiven Fleischkonsums. Die AutorInnen gehen davon aus, dass letztendlich zwei Ernährungssysteme nebeneinander bestehen werden: jenes der industrialisierten Lebensmittelproduktion und jenes der regional-biologischen Produktion, das sich an Nachhaltigkeitsstandards orientiert.

An sich ist das Buch als Einführung für Studierende verschiedener Disziplinen gedacht. Deutlich wird das nicht nur im Untertitel, sondern auch daran, dass am Ende jedes Kapitels Kontrollfragen und Fragen zur Diskussion angefügt sind. Das Buch wendet sich aber an einen viel weiteren Kreis, der Engagierte in der Zivilgesellschaft, Personen in internationalen Nichtregierungsorganisationen sowie PolitikerInnen ebenso umfasst wie alle jene, die sich über die verschiedenen Facetten der gesellschaftlichen Verfasstheit unseres Essens informieren wollen. Außer Zweifel steht, dass die Agro-Food-Studies eine ganz grundlegende Frage aufgreifen: die vielfältigen Wirkungszusammenhänge, in die unsere Ernährungsgewohnheiten eingebettet sind. Schon aus diesem Grund kann man sich nur wünschen, dass das Buch möglichst viele LeserInnen findet.