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Graphik: Bulletpoint Aktuelles Heft: OFFENES HEFT - Ausgewählte Rezension

Helfferich, Cornelia :  Familie und Geschlecht. Eine neue Grundlegung der Familiensoziologie (2017)
Opladen/ Berlin/ Toronto: Verlag Barbara Budrich.

Rezensiert von: Karin Sardadvar



Das Verhältnis zwischen Familiensoziologie und Geschlechterforschung ist im deutschsprachigen Raum von gegenseitigem Misstrauen und mangelndem Austausch geprägt. Basierend auf dieser Diagnose macht es sich Cornelia Helfferich im vorliegenden Band zur Aufgabe, die umfangreich vorhandenen, aber oft implizit bleibenden oder ausgeblendeten Verbindungslinien zwischen den beiden Forschungsbereichen herauszuarbeiten. Indem sie die Erkenntnisse aus über 20 Jahren eigener empirischer Forschung bündelt, theoretisch unterfüttert und mit dominanten Zugangsweisen der Familiensoziologie kontrastiert, legt die Autorin ein Buch vor, das zentrale Themen der Familienforschung konsequent aus einer Geschlechterperspektive ansteuert. Dabei setzt sich Helfferich, emeritierte ¬Soziologieprofessorin an der Evangelischen Hochschule Freiburg im Breisgau, zum Ziel, »eine neue, konsistente und weiterführende Grundlegung der Familiensoziologie« (10) vorzulegen – und schafft dafür eine gehaltvolle Basis.

Das Buch ist in einen Einleitungsteil und zwei Hauptteile (Teil I und Teil II) gegliedert. In der Einleitung (Kap. 1) stellt Helfferich u. a. Konzept und Aufbau des Buches vor und befasst sich mit zentralen Grundüberlegungen zu Familie und Geschlecht. Hier – und ergänzend im Anhang – stellt sie auch knapp die empirischen Studien vor, auf denen sie aufbaut.

Teil I – »Theoretische Grundlegungen« greift ausgewählte theoretische Ansätze heraus und erweitert auch in dieser Hinsicht das übliche Spektrum der Familienforschung. Zentraler theoretischer Rahmen für Helfferich sind die Ansätze Pierre Bourdieus, und dabei insbesondere seine Beiträge zur »männlichen Herrschaft« und das Habitus-Konzept mit Fokus auf dem »Geschlechterhabitus«, gemäß dem sich geschlechtsbezogene Erwartungen, Erfahrungen und Wissensbestände in den ¬Körper einschreiben und im Handeln ¬wiederum hervorgebracht werden. Diesen Zugang ergänzt sie vor allem um lebenslauforientierte Ansätze, um den biografischen Prozess der Erfahrungsaufschichtung zu erfassen (85). Es sind diese theoretischen Perspektiven, die sie im Weiteren auch für die Analyse vorschlägt und verwendet: Sie setzt »Geschlechterbeziehungen [als] das Thema der Familiensoziologie« (241), ¬plädiert für eine Lebenslaufperspektive, um die prozesshafte Entstehung von ¬Geschlechterungleichheit zu verfolgen (ebd.), und bezieht sich auf Bourdieu als »Leittheorie«, um die Ebenen von Handeln und Struktur in Austausch zu bringen (244–245). Zu den in der Familiensoziologie verbreiteten Rational-Choice-Ansätzen, die davon ausgehen, dass Menschen individuell nach dem Prinzip der Nutzenmaximierung entscheiden, liefert sie eine kritische Auseinandersetzung.

Teil II – »Geschlechterbeziehungen von der ersten Liebe bis zum letzten Kind« ist eine empirisch basierte, aufschlussreich analysierte und theoretisch kontextualisierte Neubetrachtung wichtiger familiensoziologischer Themenbereiche. Den Startpunkt setzt Helfferich an der sexuellen Initiation, bei der, so ihr Argument, bereits Weichenstellungen in Richtung der Herausbildung eines Geschlechterhabitus hervortreten, der sich in weiterer Folge an entscheidenden Punkten des familiären Lebens immer weiter verfestigt. So arbeitet sich die Autorin in Teil II an Schlüsselstellen des Zusammenspiels von Familie und ¬Geschlecht ab: von der sexuellen Initiation und ersten Liebe (Kap. 3) über die Verstetigung von Zweierbeziehungen (Kap. 4), den Kinderwunsch und die Partnerwahl (Kap. 5), die Familiengründung als Transformation einer Geschlechterbeziehung (Kap. 6 und 7) bis zur Familienerweiterung und Kinderlosigkeit (Kap. 8), bevor eine Abschlussbetrachtung folgt (Kap. 9).

Manche Themen werden dabei kürzer als andere behandelt, und Helfferich weist in der Einleitung und im Abschlusskapitel selbst darauf hin, dass einige Themenaspekte – etwa gleichgeschlechtliche Partnerschaften – noch nicht ausreichend berücksichtigt sind. Zu ergänzen ist, dass auch die Auseinandersetzung mit internationalen, etwa anglo-amerikanischen Diskursen in der Familienforschung gewinnbringend wäre, die manche starre Prämissen der deutschsprachigen Familiensoziologie bereits aufgebrochen haben.

Insgesamt entsteht ein konsequent durchgeführter, empirisch fundierter und theoretisch erweiterter, gut nachvollziehbar dargelegter Perspektivenwechsel auf familienbezogene Phasen und Ereignisse im Lebenslauf und deren Interaktion mit Geschlechterungleichheiten. In jedem Kapitel wirft Helfferich dabei zusätzlich einen Blick auf andere relevante Differenzierungen – vor allem auf jene zwischen alten und neuen deutschen Bundesländern sowie auf jene nach Qualifikation.

Die Publikation wird als Lehrbuch präsentiert und kann als solches die Grundlagenliteratur der Familienforschung entscheidend bereichern. Dennoch entspricht es nur teilweise dem Charakter eines Lehr¬buchs und ist vor allem für StudienanfängerInnen wohl auch voraussetzungsvoll. Das Buch ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem Mainstream der deutschsprachigen Familiensoziologie und ein begründetes Plädoyer für einen Perspektivenwechsel, das sowohl den wissenschaftlichen Diskurs innerhalb der Familiensoziologie als auch zwischen Familien- und Geschlechterforschung adressiert. Es ist ein Buch, das eine Leerstelle füllt und beiden Feldern – der deutschsprachigen Familienforschung und der familienbezogenen Geschlechterforschung – wesentliche neue Impulse liefert.