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Graphik: Bulletpoint Aktuelles Heft: »Offenes Heft« - Ausgewählte Rezension

Habermann, Friederike :  Ecommony. UmCARE zum Miteinander (2016)
Sulzbach am Taunus: Ulrike Helmer Verlag.

Rezensiert von: Sigrid Kroismayr


Der erste Satz, den man liest, wenn man das von der deutschen Historikerin, Volkswirtin und derzeit als freier Wissenschafterin tätigen Friederike Habermann verfasste Buch aufschlägt, ist: »Vorsicht! Dieses Buch lässt einen ungewohnte ­Gedanken zu: Die Welt kann besser werden« (9). Nun, um ehrlich zu sein, diese Suggestion der Autorin hat sich bei mir bei der Lektüre nicht eingestellt. Nichtsdestotrotz nimmt es eine Ausnahmestellung unter den Büchern ein, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Wie kein anderes Buch hat es mich emotional gepackt, denn die Autorin macht ihre LeserInnen mit vielen Gedanken vertraut, die es erlauben, das gegenwärtige gesellschaftliche System begründet fundamental infrage zu stellen – eine sehr spannende Erfahrung.

Um was geht es also? Meine erste Aufmerksamkeit fiel auf den Untertitel des Buches »UmCARE zum Miteinander«, und hier ging ich von der Interpretation aus, dass die Umrisse eines Wirtschaftssystems skizziert werden, in dem Care, also die Sorge oder Fürsorge für andere, eine zentrale Rolle spielt. Den Begriff »Ecommony« hatte ich zunächst oberflächlich als »Economy« gelesen. Das trifft die Sache jedoch nur zum Teil. Jene, die etwas genauer hinschauen, erkennen in »Ecommony« eventuell sehr rasch die Wortmischung aus »Economy« und »Commons«, das mit Gemeingut übersetzt werden kann. Habermann verwendet immer wieder auch den deutschen Begriff der Allmende, jener mittelalter­lichen Gemeindewiese, auf der jeder Berechtigte eine nach einem vereinbarten Schlüssel vorgegebene Anzahl von Nutztieren weiden lassen konnte. Die Autorin nennt vier Prinzipien, durch die sich eine commonbasierte Wirtschaftsweise auszeichnet. Erstens: Besitz statt Eigentum, indem man sich danach orientiert, was jemand braucht und gebraucht, im Gegensatz zur Verfügungsgewalt in Form von Vorenthaltung oder Verkauf von Gütern, wie diese durch das Eigentum besteht. Zweitens: Teile, was du kannst. Drittens: Beitragen statt Tauschen. Und viertens: Offenheit und Freiwilligkeit. Diese Prinzipien werden von ihr im Kapitel »Heute« näher beschrieben.

Und hier begegnen wir auch schon sehr interessanten und aufregenden Gedanken wie z. B. jenen, dass in der bürgerlichen Gesellschaft die Spaltung zwischen politisch-öffentlicher Sphäre und wirtschaftlich-privater Sphäre angelegt ist. Das Bürgertum setzte sich im Zuge seiner Entstehung für politische Mitsprache ein und berief sich dabei auf das »Naturrecht« (in alter Terminologie), während wirtschaftliche Rechte als privat und persönlich gedacht wurden, über die es ja verfügte – weniger in Deutschland, aber in England und Frankreich. Dieses Erbe ist – neben dem Umstand, dass die gewalt­tätige Seite des Kapitalismus systematisch ausgeblendet wird –, dafür verantwortlich, dass verteilungsökonomische Fragen, sei es auf inner- oder zwischenstaatlicher Ebene, die auf die Milderung der ökonomischen Ungleichheit zwischen Bevölkerungsgruppen abzielen, nicht unter dem Aspekt der Menschenrechte gesehen werden und dass der Hunger von Menschen nicht als Menschenrechtsverletzung wahrgenommen wird, wie der von Habermann zitierte Wirtschaftsphilosoph Wolfgang Kersting festhält (43). Unter diesem Gesichtspunkt erhält die hierzulande geführte Diskussion über die Kürzung der Mindestsicherung oder über das bedingungslose Grundeinkommen nochmals eine andere Facette, weil diese staatlichen Leistungen nicht mehr als »Gabe« erscheinen, sondern als legitimer Anspruch. Überhaupt, wenn man durch die Straßen geht – was rechtfertigt es, dass Menschen ­obdachlos sind, betteln und in Armut ­leben müssen? Persönlich finde ich das zusehends empörend.

Noch zwei weitere Gedanken möchte ich herausgreifen: Viele Gesellschaften kannten den Eigentumsbegriff nicht. In diesem Zusammenhang ist auf die Tat­sache zu verweisen, dass EuropäerInnen sich im Zuge des Kolonialismus Land ­widerrechtlich angeeignet haben, den in diesem Land lebenden Menschen ihre Existenzgrundlage genommen und ihnen ein kapitalistisches Produktionssystem aufgezwungen haben. Das mag verkürzt klingen, Habermann verweist aber immer auf Literatur, wo man das en detail nachlesen kann, wie etwa bei David Graeber, der die Kolonialisierung Madagaskars untersucht hat. Dieses Thema wird von ihr im Kapitel »Gestern« behandelt. Und auch die Idee vom Tausch, der uns in einer Geldwirtschaft als »natürliche« Einrichtung erscheint und in Lehrbüchern der Ökonomie gebetsmühlenartig beschworen wird als jene wirtschaftliche Transaktion, in der Menschen schon immer miteinander verkehrt haben, ist zu hinterfragen. Hier verweist die Autorin ebenfalls auf zahlreiche Literatur und setzt dem Tauschen, das sie Genevieve Vaughan ­folgend als erzwungene Reziprozität betrachtet, die die Orientierung am Anderen und die implizite Wertschätzung der Anderen zerstört (66), das Teilen und Beitragen entgegen.

Im Kapitel »Morgen« werden vor ­allem die Möglichkeiten der Digitalisierung und des Internets der Dinge beleuchtet, die es erlauben, fast zu Nullkosten zu produzieren sowie überhaupt die Philosophie des Teilens zu befördern. Habermann weist aber auch auf Gefahren hin, die in einer bisher undenkbaren Kontrolle bestehen. Hier wird die Zukunft zeigen, inwieweit diese Entwicklung tatsächlich zum Wohl der Menschen beitragen wird. Gerade weil das Morgen vor allem nun in technischen Dimensionen beschrieben wird, fällt auf, dass eigentlich der Kunstbereich – Musik, Malerei, Schauspiel u. a. m. – keinen konkreten Platz in ihrer Utopie einnimmt, auch nicht im »Übermorgen«, obwohl das eigentlich jener ­Bereich ist, wo Menschen ihren höchsten Selbstausdruck finden. Die Rolle des Staates wird nicht eigens beleuchtet, an sich ja selbst ein Fossil aus alten Zeiten. Allerdings fordert sie nicht seine Abschaffung, sondern zunächst einmal, dass er das Allmendeprinzip aktiv unterstützen und ­dessen Torpedierung sanktionieren sollte, so wie er derzeit das Marktprinzip unterstützt und dessen Übertretung sanktioniert.

Insgesamt ist das Buch durchzogen von vielen Hinweisen auf Gemeinschaften, Gruppen und Organisationen, die teilen und versuchen, auf diese Weise alternative Wege zu gehen. Friederike Habermann führt uns in einem freundlichen Ton in diese Welt ein und entwirft die Utopie einer Ökonomie, die nicht auf Geld ­basiert und wo jede/ jeder auch dem nachgehen kann, was sie/ er möchte. Auf die Frage, wer dann die Drecksarbeit macht, verweist sie auf Christian Siefkes, der dafür plädiert, Unschönes schön zu machen; vieles ist im Kapitalismus auch so organisiert, dass es unangenehm sei. Und außerdem findet sich immer jemand, der auch eine scheinbar lästige Aufgabe gerne übernimmt.

Abschließend bleibt zu konstatieren, dass die zu Beginn des Buches geäußerte Behauptung, dass man bei seinem Lesen an die Möglichkeit einer besseren Welt glaubt, durchaus berechtigt sein kann. Eine absolute Empfehlung, sich auf dieses Abenteuer einzulassen – wer immer das tun möchte –, kann ich jedenfalls aussprechen.