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Graphik: Bulletpoint Aktuelles Heft: OFFENES HEFT - Ausgewählte Rezension

Bohrn Mena, Veronika :  Die neue ArbeiterInnenklasse. Menschen in prekären Verhältnissen (2018)
Wien: Verlag des Österreichischen Gewerkschaftsbundes.

Rezensiert von: Maria Katharina Moser


Daten und Fakten zu sowie soziologische Einordnungen von gesellschaftlichen Entwicklungen sind wichtig, um die Welt, in der wir leben, begreifen zu können. Aber um soziale Problemlagen in ihrer Tiefe verstehen zu können, braucht es immer auch einen Blick in die Biographien der Betroffenen. Das zeigt schon der Begriff „qualitative Sozialforschung“. Am Einzelfall wird die Beschaffenheit und lebensweltliche Bedeutung eines sozialen Phänomens deutlich. In dem Maße, in dem man sich wünscht, Analysen mögen auch ins Handeln führen, steigt die Bedeutung konkreter Erfahrungen – denn an ihnen geht uns auf: Das ist nicht richtig. So soll es nicht sein. Das muss sich ändern.

Das gilt auch für das Problem der prekären Arbeitsverhältnisse und für das Buch von Veronika Bohrn Mena „Die neue ArbeiterInnenklasse“. Ausgangspunkt ist die Tätigkeit von Bohrn Mena in der Gewerkschaft für Privatangestellte, in deren Rahmen sie Menschen in prekären Arbeitssituationen beraten hat. Für das Buch hat sie nochmals Gespräche geführt und die Lebenslagen von Personen in den Mittelpunkt gestellt, die repräsentativ für andere stehen. Dabei ist ein informiertes und informierendes Sachbuch entstanden, dessen Lektüre auch berührt.

Es erzählt die Geschichte von Manuel, der mit großen Hoffnungen noch während des Studiums ein journalistisches Praktikum begonnen und viel gearbeitet hat, um schlussendlich um seinen Lohn und seine Rechte betrogen zu werden (Wie die Geschichte ausging, sei hier nicht verraten). Claudias und Iskos Geschichte ist eine vom Leben am Minimum trotz Arbeit, vom sozialen Abstieg, von der Scham, die damit verbunden ist, von Entwicklung und Fallen der Leiharbeit sowie von Problemen mit der Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit. Sabine muss um jede Stunde Arbeitszeit kämpfen. Ihre Geschichte zeigt, dass Teilzeitarbeit alles andere als freiwillig sein kann (über 100.000 Frauen geben an, deswegen Teilzeit zu arbeiten, weil sie keine Vollzeitstelle finden), dass mehr als 20 Jahre im Betrieb keine Garantie für irgendetwas sind und dass, wer Freie Dienstnehmerin ist, mitunter nicht in den Genuss der Vorzüge dieser Beschäftigungsform kommt, aber mit den Nachteilen, wie sich selbst versichern zu müssen, übrig bleibt. Auch Silje ist eine gar nicht so freie Freie Dienstnehmerin, eine klassische Scheinselbständige, denn sie erfüllt jedes Kriterium für eine echte Anstellung.

In die Welt des Niedriglohnsektors führt uns die Geschichte von Berat und Ayaz, die besonders berührt, weil die beiden betonen, wie glücklich sie mit ihrer Arbeit sind – den langen Arbeitszeiten und der körperlichen Belastung, die sie als Zusteller von Waren haben, und dem geringen Einkommen zum Trotz. Marlene hantelt sich als Wissenschafterin von einer befristeten Stelle zur nächsten, auch ein Studium ist keine Garantie für finanzielle Sicherheit. Von einem miesen Job zum nächsten hoppt auch die 34-jährige Dina, deren längstes Arbeitsverhältnis neun Monate gedauert hat. An ihrer Geschichte zeigt sich, wie Armut vererbt wird. Ob es Ercans Kindern gelingen wird, bleibt abzuwarten – er hat noch keine. Der Paketbote ist erst 25 Jahre und hat Rückenprobleme wie ein alter Mann. Die Bedingungen, unter denen er arbeitet, lassen einen eher an Tagelöhner in biblischen Zeiten als ans 21. Jahrhundert denken.

Veronika Bohrn Mena verwebt die Geschichten von Ercan, Dina und den anderen mit Fakten und Zahlen und stellt sie als Beispiele für Prekarisierung der Arbeit, Segmentierung des Arbeitsmarkts und Vereinzelung der Arbeitenden vor. Es ist ein engagiertes Buch, das auf seinen letzten Seiten zur Reflexion von Grenzziehungen einlädt: Sie verlaufen, meint die Autorin, nicht zwischen „formal unselbständigen oder selbständigen, fix oder temporär Beschäftigten, sondern zwischen jenen, die für ihr Auskommen arbeiten müssen (oder die auf Sozialleistungen wie die Mindestsicherung angewiesen sind, wie die Rezensentin hinzufügen möchte, Anm. MKM), und jenen, die das Privileg besitzen, ihr Geld für sich arbeiten lassen zu können“ (188). Ganz am Ende steht noch ein politischer Appell, der vom gewerkschaftlichen Hintergrund von Veronika Bohrn Mena getragen ist. Möge er gehört und diskutiert und möge das gesamte Buch gelesen werden.