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Graphik: Bulletpoint Aktuelles Heft: Offenes Heft - Ausgewählte Rezension

Polak, Regina :  Migration, Flucht und Religion. Praktisch-theologische Beiträge. Bd. 1: Grundlagen. Bd. 2: Durchführungen und Konsequenzen (2017)
Ostfildern: Matthias Grünewald Verlag.

Rezensiert von: Ernst Gehmacher



Die internationalen Flucht- und Migrationsbewegungen unserer Zeit sind zu einem politischen und gesellschaftlichen Problem- und Konflikt-feld geworden, nicht zuletzt auch in und zwischen religiösen Gemeinschaften. Regina Polak, assoziierte Professorin für Praktische Theologie und Religionsforschung an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, hat dieses Thema wissenschaftlich fundiert aus einer christlich-religiösen Perspektive bearbeitet. Daraus ist ein Werk in zwei Bänden geworden, das man als eine »große Predigt der MigrantInnen-liebe« charakterisieren könnte. Regina Polak will überzeugen, dass die Grundforderung christlicher Nächstenliebe, alle Menschen einzuschlie-ßen, auch die MigrantInnen betrifft – theoretisch und lebensnah. Und in den zwei vorliegenden Bänden ist ihr das gelungen. Ein großes Werk.

Der theologische Einstieg liegt auf der Hand. Die Bibel geht mit der »Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies« (74) auf die Grun-derfahrung der menschlichen Zivilisation und die Migrationserfahrungen des biblischen Volkes vom Auszug der Israeliten aus Ägypten bis zur endgültigen Zerstreuung der Juden aus Judäa mit der Zerstörung des Tempels um 133 n. Chr. ein. Auch das Christentum im Römischen Reich verbreitete sich durch Migration. Doch »im Zuge der Macht-Akkumulation ist dieses migratorische Erbe in Vergessenheit geraten« (77). Dage-gen protestiert die neue Migrations-Theologie: »Auch Jesus ist eine Art Migrant – er hat keine feste Wohnstatt und ist zeitlebens Wanderpredi-ger« (99). Und Christen wurden immer wieder verfolgt und vertrieben – und zu Flüchtlingen. Der erste Band ist über mehr als zweihundert Seiten der Geschichte der religiösen Flucht-Mobilität gewidmet, von der Antike bis heute. Im zweiten Band geht es dann um die aktuelle Situation der MigrantInnen und ihre religiöse Praxis und Orientierung in Europa und in Öster-reich.

Im fundamentalen Verständnis ist Religion die Einbindung des immer einzigartigen-andersartigen Menschen­Migranten in eine tiefere Ge-meinsamkeit. Im christlichen Idealfall ist dies eine »Pfarre« oder »Gemeinde«. Und da gibt es, laut Volkszählung, auch in Österreich schon eine Vielfalt von Gemeinschaften von und für MigrantInnen (130). Regina Polak bietet anhand von Statistiken ein hoffnungsvolles Bild: Die wis-senschaftliche Analyse mache immer deutlicher, dass in dem um sich greifenden Chaos sozialer wie geistiger Identitäten religiösen Erlebnisge-meinschaften unterschiedlichster Art wachsende Bedeutung zukommt. Man reagiert darauf: 2010 wurde die »Churches Commission for Migrants in Europe« (KKME) gegründet – der Polak eine große Chance gibt (158).

Auf Basis dieser Analyse unserer Gesellschaft vermittelt die Autorin ein Blitzlichtbild der Lage in Wien. Mehr als ein Drittel der WienerInnen sind im Ausland geboren – großteils in den östlichen Nachbarländern – und wenn religiös: katholisch, orthodox oder muslimisch. In einer Reihe von Interviews werden dann persönliche Schicksale vorgestellt: ein Bild des Gelingens und Versagens von Religion in der politischen Krise.

Regina Polak bringt dabei den Begriff und die Theorie der »Convivenz« ein, für das Zusammenleben in Basisgemeinschaften mit den drei We-senheiten »Leben teilen«, »miteinander lernen«, »miteinander feiern« (198). Sie bezieht sich im Weiteren auf eine in Zusammenarbeit mit Christoph Schachinger durchgeführte Befragung von MigrantInnen über ihre religiösen Erfahrungen.

Sehr persönliche Erlebnisse werden da deutlich: »Ich will mein Lebens so leicht wie möglich machen – das Kreuz wegschieben. Und dann verstehe ich oft, das geht nicht so ..., dann gehe ich einfach, wo ich wohne, gibt es ja den Böhmischen Prater, da komme ich mir so vor wie in meinem Dorf, und schaue auf die Welt hinunter. Und dann bete ich oder rede zu Gott und beruhige mich und komme wieder zu Kräften« (219).

Am Ende des ersten Bandes geht Polak auf die Frage ein, wie stark die Konflikte in der praktischen Betreuung von MigrantInnen in religiösen Organisationen hier und heute sind und sein können, wie Vorurteile immer wieder durchschlagen und wie sehr die Mitglieder ausländerfeind-lich oder -freundlich sind. Und die Antwort bleibt: »Wahre« Religion ist immer auch »MigrantInnenliebe«, Teil allgemeiner Nächstenliebe – die ja unter Nahestehenden oft noch schwerer fällt.

Dazu kommt nun der zweite Band, mit 334 Seiten auch reichhaltig, unter dem Titel »Durchführungen und Konsequenzen« mit weiter ausho-lenden und unterschiedlichen Hinweisen. Der Band beginnt mit der Predigt des »Herzstücks« der biblischen Vision vom Zusammenleben – dem »Reich Gottes« (hebräisch: »malkut«, griechisch: »basileia«). Dieses ist eine »Realutopie« vom Zusammenleben, der Menschen mitei-nander und mit Gott. In einer »Lerngemeinschaft« (34). Darauf setzt Regina Polak ihre Hoffnung. Heinz Faßmann wird dafür mit der Wen-dung zitiert: »Migropa entsteht«. Aus der Krise der »Kirchen« heraus.

Dies zeigt sich auch am Beispiel der Stadt Wien: Von 1971 bis 2011 hat sich der Anteil der KatholikInnen von 79 Prozent auf 41 Prozent ver-mindert, jener der MuslimInnen von ein auf zwölf Prozent vermehrt – und als »ohne Bekenntnis« haben sich 2011 32 Prozent bekannt, 40 Jahre früher nur zehn Prozent.

Regina Polak äußert sich sehr kritisch über das Desinteresse vieler Pfarren an den MigrantInnen. Doch dann geht sie auf positive Vorbilder ein, wie auf das katholische »Schulzentrum Friesgasse« mit 40 verschiedenen SchülerInnensprachen und 20 Religionsbekenntnissen, und argumen-tiert, dass in diesem Zusammenhang noch eine Menge Arbeit auf die Kirche wartet.

Dem wird die globale Entwicklung gegenübergestellt. Weltweit geht der Trend zur Religion in Vielfalt, positiv in neue Formen der »kreativen« Weiterentwicklung, aber negativ auch in fundamentalistische Strömungen. Gemessen mit dem neuen »Antipathie-Index« findet sich heute weltweit »Menschenfeindlichkeit« zunehmend in verarmenden Mittelschichten. Und da wird mit dem »urchristlichen Projekt einer Weltkirche« die Predigt der MigrantInnen-Liebe zum globalen Aufruf. Ein langer Exkurs widmet sich da in dem Buch der »Katholizität« – als vielfach miss-brauchtem, aber fundamentalem Wirkungsmechanismus für »Wohl und Würde des Einzelnen und Wohl und Würde der Gesellschaft« (172), und als neue Aufklärung mit politischen Impulsen.

Der Band schließt mit »Bausteinen einer Theologie der Migration« und einem optimistischen Ausblick: »Wie der Fluch der Migration zum Segen werden kann.« Die Predigt endet mit einem klaren Auftrag: »Hoffnung lernen! Sinn finden!«

Das gesamte Werk wendet sich deutlich an die religiösen Verantwortlichen: an den Klerus, insbesondere aber an Lehrende und Studierende, als OrientierungshelferInnen und LieferantInnen von Argumenten zum Themenkreis der Bände. In seiner Breite ist das Werk eine Schatz­truhe auch für andere Interessierte und selbst am Thema Arbeitende.